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Nukleare Aufrüstung

Nukleare Aufrüstung und persönliche Betroffenheit
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Vortrag und Zeitzeugengespräch mit Dr. Philipp Sonntag am 05.11.2025 im Unionhilfswerk Berlin www.unionhilfswerk.de.


Von Entwicklung und Herstellung der Atomwaffen, über Versuche und Erfolge einer Rüstungskontrolle bis hin zu aktuell neuem nuklearen Wettrüsten, mit neuen Eskalationsgefahren.


1.  Das Ausmaß von Zerstörung als Herausforderung.

Für Atommächte ist nukleare Rüstungskontrolle eine Herausforderung. Auch für mich war diese Bedrohung, ab 1964 bei meinem ersten Job, belastend.

"Die Atomwaffen vernichten beim Angreifer wie beim Verteidiger weitgehend alles, was den Begriff Nation ausmacht: die menschliche, die kulturelle, die wirtschaftliche Substanz."
Zitat aus:  Gerd Schmückle: "Die Wandlung der Apokalypse" in: Christ und Welt, 26. 1. 1962

Für mich war die Bedrohung durch Atomwaffen belastend: bei meinem ersten Job 1964-1971 musste ich Szenarien eines möglichen Atomkrieges in Deutschland ermitteln und beschreiben. Siehe insb. Carl Friedrich von Weizsäcker (Hrsg.): "Kriegsfolgen und Kriegsverhütung", Hanser (1972).


2.  Was ist "nuklear"?

Der Mensch hat kein Sinnesorgan für harte Strahlung (insb. Radioaktivität). Die Entwicklung ging on der Entdeckung der harten Strahlung durch Röntgen 1897, über Umgang mit Kernenergie, über Bau von Atomwaffen und begleitende Gewissensprobleme z.B. von Leó Szilárd. Die erste Atomrüstung war für Einsatz gegen Berlin; die Nazis hatten dafür 1945 drei Monate zu früh kapituliert.


3.  So traf es Hiroshima.

Alle Bemühungen zur Vermeidung des militärischen Einsatzes waren gescheitert. Japanische Ärzte berichteten über die Strahlenkrankheit an amerikanische Ärzte; das blieb anfangs geheim. Trotz Vernichtung einer Stadt in einer Sekunde durch eine einzelne Bombe: Im Wettrüsten wurden 60.000 Atomwaffen gebaut. Eine Begrenzung auf etwa 14.000 Atomwaffen gelang durch Rüstungskontrolle mit Beachtung des "gemeinsamen" Interesses der Kriegsvermeidung.


4.  Das Ziel war eigentlich Berlin.

In Deutschland wurden 1964 - 1971 mit Daten aus Hiroshima mögliche Schäden berechnet. Die "Göttinger 18" Atomphysiker hatten Adenauer ihre Mitarbeit an einer deutschen Atombombe verweigert. Das war ein Eklat, aber den Politikern blieben Atombomben fremd. Deshalb gab es das Projekt "Kriegsfolgen und Kriegsverhütung", Leiter war Carl Friedrich von Weizsäcker. Ich war der verantwortliche Programmierer.
Das war eine hohe Belastung, vormittags war ich in der Uni am einzigen in Hamburg dafür brauchbaren Computer. Ab mittags war ich in meiner Stammkneipe und versuchte die schrecklichen Auswirkungen von Atombomben zu verstehen und halbwegs zu ertragen.


5.  Ein Schadens-Szenario in Deutschland.

Politisch hieß es damals, eine Lawine aus Russland anrollender Panzer "könnte nur" mit Atomwaffen gestoppt werden.  Das Bild vom einem Einsatz-Szenario nahe Wolfsburg zeigt, dass kleine Veränderungen der Bedingungen (Wetter usw.) zu großen Änderungen bei den Schäden (durch eine einzige Bombe) führen können. Aber keineswegs alle Betroffenen wären tödlich verletzt: Es gibt einen zentralen Bereich von Überzerstörung und einen weit größeren Bereich von Teilzerstörung - es sei denn Atomwaffen werden ganze Flächen bedeckend eingesetzt.


6.  Eskalation vernichtet.

Entscheidend für das Ausmaß der Schäden ist die Dynamik der Eskalation zu immer mehr Waffen: Bereits 10% der taktischen Atomwaffen der NATO, zur militärischen Verteidigung eingesetzt - ebenso wenige Prozent der strategischen Waffen (aus Russland, gegen unsere Städte) - würden Deutschland "als überlebensfähige Gesellschaft" quasi unreparierbar vernichten.
Deshalb ist höchst wertvoll, dass es seit 80 Jahren ein von den (inzwischen 9) Atommächten beachtetes TABU gibt: Würde auch "nur" eine Atomwaffe eingesetzt, so wäre die Eskalation schwer zu stoppen, sowohl technisch, als auch militärisch und politisch. Aber der "Kalte Krieg" schien nur vorübergehend "vorbei" zu sein: In den letzten Jahren hat ein neues Wettrüsten begonnen, welches die Eskalationsgefahr enorm erhöht.
Copyright ©  Philipp Sonntag 2026
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